NEUES AUGUSTEUM

INTERVIEWS MIT DEN ARCHITEKTEN MARTIN BEHET, ROLAND BONDZIO UND YU-HAN MICHAEL LIN AM 13.09.2017

Fragen an Yu-Han Michael Lin

Wir stehen vor dem umgebauten Hörsaalgebäude mit der Mensa: Welche Idee wurde beim Umbau verfolgt?

Für uns war es wichtig, eine Beziehung zwischen dem alten Gebäude und unserer Sicht auf das zukünftige zu finden. Wir wollten respektvoll mit der Frage umgehen, warum das Gebäude damals hier errichtet worden war. Ich meine, hier stand vorher ein sozialistisches Gebäude, und wir haben das sogar als Vorteil betrachtet und haben die Geometrie und das großzügige Raumangebot genutzt und versucht, diese Dinge im Hinblick auf die zukünftige Verwendung zu optimieren.

Gibt es ein Detail an diesem Gebäudekomplex, das Sie besonders gelungen finden?

Als wir das erste Mal im Hörsaalgebäude waren, waren darüber erstaunt, wie dunkel das Gebäude ist, und uns war klar, dass wir diesen Zustand verbessern und einen angenehmen und freundlichen Gebäudekomplex erschaffen müssen, um den Studierenden das Lernen zu erleichtern und die Nähe zur Natur herzustellen. Der Komplex befindet sich im Zentrum der Stadt, und wir haben versucht, alles so gut wie möglich aufzuräumen und Licht in das Gebäude zu lassen. Zum Beispiel haben wir in der Mitte einen 70 m hohen langen Lichtschacht in die Bibliothek gebaut, damit Licht in das Gebäude fließt, das den Studierenden das Lernen erleichtert.

Wir stehen jetzt hier im Leibnizforum, halten Sie denn seine Gestaltung für abgeschlossen, oder ist eine Weiterentwicklung in Ihren Augen noch möglich?

Für die erste Phase des Wettbewerbs hatten wir ein Grundkonzept, und während dieser Phase, in der wir die städtebauliche Planung durchführten, haben wir versucht, so neutral wie möglich zu bleiben und dabei den sozialen und historischen Kontext zu respektieren. Unsere Strategie war es, verschiedene Architekten zu haben, die improvisieren und ihre eigene Interpretation einbringen, wie es in Zukunft aussehen kann. Es ist offensichtlich, dass immer Leben im Gebäude und in der Stadt sein wird, es sollte auch die Gelegenheit zur Verbesserung geben, es besteht immer eine Chance für zukünftige Möglichkeiten. Ich denke, um sich in einer Stadt zu engagieren, sollte man ihr Aufmerksamkeit schenken, sie kultivieren, ihre Atmosphäre in sich aufnehmen. Um vorauszusagen, welche Veränderungen es in Zukunft noch geben wird, sind, so glaube ich, die Möglichkeit mitzuentscheiden und das Studienumfeld wichtig.

Welche Rückkopplungen haben Sie von den Nutzern erhalten: den Wissenschaftlern, den Studierenden, den Bibliotheksnutzern, den Mensanutzern?

Es ist sehr interessant, dass die Welt irgendwie sehr klein geworden ist. Ich habe einen sehr guten Freund, der in Münster große Geschäfte hat und dessen Tochter hier studiert. Soweit ich weiß, studiert sie Wirtschaftsingenieurwesen oder Ähnliches, und sie war sehr glücklich darüber, dass sich die Universität im Zentrum befindet und sie hier lebt und die Uni auch ein solches Potenzial hat, eben weil sie sich im Zentrum einer Stadt befindet. Nur sehr wenige Universitäten haben dieses Potenzial, und sie ist wirklich glücklich mit den Entfernungen zwischen den einzelnen Gebäuden, mit der Ruhe, die sie in den Seminarräumen genießen kann, mit der Lebensqualität und den verschiedenen Möglichkeiten, die sie in diesem Komplex nutzen kann.

Fragen an Roland Bondzio

Wir stehen vor dem Seminargebäude, das von allen Bauten dem Ursprungsbau am ähnlichsten ist. Welche Idee stand da dahinter?

Die Beschreibung trifft es schon sehr gut. Es ist tatsächlich sehr ähnlich, und das ist auch Absicht. Wir haben ja 2000, als wir ankamen und den ersten Rundgang durch die Stadt gemacht haben – der Beginn des Architektenwettbewerbs – den Henselmannschen Campus der DDR vorgefunden, der 1968 auch über einen Wettbewerb entschieden wurde. Und die Aufgabenstellung damals hieß: Neubau und Umgestaltung des Campus am Augustusplatz der Universität Leipzig. Das heißt, wir haben sehr genau geschaut, welche Bauteile haben Qualität und sollten stehen bleiben. Damals sollte auch das Hauptgebäude erhalten bleiben. In der weiteren Planungsphase hat sich für uns immer mehr gezeigt, dass das Seminargebäude mit seinen verschiedenen Ebenen für uns einen besonderen Wert hat und auch heute noch hat. Zum einen ist es allein unter architektonisch-städtebaulichen Qualitäten besonders gut: mit einer klaren Gliederung in Haus – Treppenhaus – Haus – Treppenhaus mit diesen ja schon sehr speziellen, zeitgemäßen und auch aus heutiger Sicht immer noch besonderen Fassadenplatten und natürlich den Treppenhäusern. Die Diskussionen über die Frage des Erhalts und der Erscheinung des Seminargebäudes wurden architektonisch-städtebaulich, aber auch immer politisch und in Teilen sehr emotional geführt. Unser Ziel war es, auch den Generationen von Studierenden und Mitarbeitern, die in den Gebäuden des Henselmannschen Campus gelebt und gearbeitet haben, einen Teil ihrer universitären Heimat zu erhalten und als Baustein in den neuen Campus zu integrieren. Daher waren wir sehr froh, dass sowohl die Universität als auch der Staatsbetrieb den Weg mitgegangen sind, das Seminargebäude in seiner Erscheinung zu erhalten. Tatsächlich haben wir in den letzten Jahren viel positives Feedback von ehemaligen Studierenden erhalten, die in dem heutigen Seminargebäude und in dem Foyer des Hörsaalgebäudes ein wenig ihrer studentischen Heimat erhalten sehen.

Wie finden Sie denn jetzt die Gestaltung des Innenhofs?

Also, das, was uns sehr am Herzen lag, waren die drei Bäume, für die wir tatsächlich baulich sehr viel Aufwand getrieben haben, weil wir in den Untergeschossen große Räume, große Tröge gemauert haben. Wenn wir heute planen würden, wäre der Innenhof anders geworden. Wir haben damals in den Planungsphasen sehr viele Vorschläge gemacht, um die Qualität, die damals die Grimmaische Straße hatte, nämlich viel Grün und Wasserspiele, mit in den Innenhof zu holen: mehr Aufenthaltsqualität, Schatten, Wasser, damit auch Vögel, also eine ganz andere Qualität, viel weniger städtisch, so wie es vorher vor der Universitätsbuchhandlung war. Ich glaube, dass es heute anders laufen würde, weil damals die Studierendenvertreter zwar im Planungsprozess mit dabei waren, als Personen auch Mitspracherecht hatten, aber sich vielleicht noch nicht mit dem Selbstbewusstsein eingebracht haben, wie das heute der Fall wäre. Alle Überlegungen zum Grün sind aus rein unterhaltungstechnischen bzw. Aufwandsgründen damals für nicht gut befunden worden. Ich glaube, das würde heute anders sein. Nach Fertigstellung bin ich von vielen Studierenden, auch von den Kollegen der Wirtschaftswissenschaft angesprochen worden: Mensch, warum ist denn der Hof so, wie er ist? Warum ist er nicht grüner? Warum ist da nicht mehr Aufenthaltsqualität? Können wir da was machen? Für uns ist das ein Punkt, aus dem wir für unsere Arbeit viel gelernt haben: Heute würden wir hier hartnäckiger bleiben.

Der Universitätskomplex wurde von zwei verschiedenen Architektenteams konzipiert. Wie finden Sie jetzt im Ergebnis die Gesamtgestaltung?

Fangen wir mit dem Begriff Konzept an. Wir haben auf die alte Klosterstruktur zurückgegriffen, also auf den historischen Ort, die Keimzelle der Universität, und haben darauf geachtet – deswegen ist es auch schön, dass wir jetzt hier im Innenhof stehen –, dass alle Gebäude sich primär aus dem Innenhof erschließen. Das heißt, wir haben die Durchwegung also die Integration der Universität in den Stadtorganismus, so gestaltet, dass jeder Bürger sich mit der Uni verbunden fühlt, alleine dadurch, dass er möglicherweise täglich den Innenhof quer durchläuft, weil es schlicht und ergreifend kürzer ist, als drum herum zu laufen. Und dieser Aspekt, dass der Hof die Keimzelle ist, von der aus sich die Gebäude und alle wichtigen Eingänge erschließen, all das ist umgesetzt worden. Auch haben wir keinen einheitlichen Campus vorgesehen in dem Sinne, dass alle Fassaden identisch sind, sondern wir haben auf den Kontext, auf die städtebauliche Struktur reagiert. Wir haben das Seminargebäude als Sonderform und das bestehende Hörsaalgebäude als Bestandsgebäude erhalten, weswegen es relativ heterogen ist. Diese Konzeption hat es auch ermöglicht, mit mehreren Architekten zu arbeiten. Es wäre sinnlos gewesen, wenn wir ein einheitliches Thema für die Fassaden und Gebäude vorgeschlagen hätten. letzten Endes war das der gordische Knoten, denn die Hauptdiskussion ging genau um das Hauptgebäude am Augustusplatz, was wir hinter uns jetzt nicht sehen können. Für uns war es gut, dass dieser Knoten durchschlagen wurde. Und er wäre nicht durchschlagen worden, wenn ausschließlich wir alle Teile des Campus realisiert hätten. Deswegen ist es für uns eine positive Entwicklung für den Campus, dass der Kollege Egeraat die Gebäude zum Augustusplatz hin bearbeiten konnte, denn mit dieser Entscheidung war Ruhe im ganzen Prozess. Und alle anderen Teile konnten dann von uns bearbeitet werden. Und auf der Ebene sehen wir das natürlich sehr positiv.

Wodurch ist es gelungen, an die historischen Vorgängerbauten anzuknüpfen?

Mit dem Seminargebäude habe ich das eben beschrieben. Das war für uns natürlich ein wichtiger historischer Vorgängerbau, und es ging darum, aus der Konzeption von 1968 von Henselmann das Thema „Heimat erhalten oder Heimat geben“ zu realisieren. Beim Hörsaalgebäude ist es ähnlich. Die Struktur ist geblieben. Das Hörsaalgebäude ist noch etwas dichter geworden, denn das Foyer funktioniert ähnlich wie der Innenhof: Aus dem Foyer kommt man jetzt, anders als früher, in die Bibliothek, ins Rechenzentrum, ins neue Fahrradparkhaus, in die Mensa, man geht nach oben in die Hörsäle. Wir haben hierbei die wesentlichen vorhandenen Strukturen aufgegriffen. Das Hörsaalgebäude des Henselmannschen Campus ist wiederzuerkennen. Es ist natürlich viel größer geworden durch die umgebaute Mensa. Das Institutsgebäude hingegen entspricht nicht der historischen Bebauung von Henselmann, sondern dem historischen Campus, weil wir sehr viel tiefer, etwa bis auf 5 m auf die historische Linie, nämlich die Vorkriegslinie, gerückt sind, währenddessen die Henselmannsche Bebauung den Campus viel weiter ins Innere gezogen und damit die Grimmaische Straße aufgeweitet hatte.

Sie haben gerade schon gesagt, dass Sie bewusst keine einheitlichen Fassaden, keinen einheitlichen Campus-Bau wollten. Worin sehen Sie dann die verbindenden Elemente zwischen den einzelnen Gebäuden?

Es sind viele ganz einfache Themen. Als Erstes wäre da der Innenhof, der Nukleus als Ort der Kommunikation und der Begegnung, der Durchwegung und der Erschließung. Er bildet das Zentrum, von hier aus erschließt und verbindet sich alles. Weiter gibt es viele kleine Aspekte: Wir sehen das Erdgeschoss als „einen dunklen Sockel“, wir sehen den sehr hellen Ton, das Weiß, das von der Mensa über die historische Fassade des Seminargebäudes bis hin zur Fassade in der Grimmaischen Straße mit den Läden im Erdgeschoss reicht. Wenn man genau hinschaut, sieht man diese Punkte, das neue Rot, das Weiß, den dunklen Sockel, was alles zusammenbindet. Aber es bleiben einzelne Bausteine aus völlig unterschiedlichen Zeiten.

Welche Rolle spielten denn die Gebäude von vor 1968?

In der Wettbewerbsphase war das eigentlich das Entscheidende. Wir haben uns damals sehr intensiv mit der aktuellen Entwicklung der Universität beschäftigt, also nach vorne geschaut. Als zweites haben wir zurückgeschaut, auf den Campus, der aus einem Kloster hervorging und auf die letzten Bauten von Geutebrück und Roßbach, die bis 1968 noch existierten. Und da gab es bestimmte Aspekte, die in der Wettbewerbsauslobung relativ strikt formuliert waren. Wir haben dann etwas gemacht, was heute nur noch schwer vorstellbar ist, heute würde man wahrscheinlich aus dem Wettbewerbsverfahren ausgeschlossen werden. Wir haben uns damals in Teilbereichen über die Vorgabe hinweggesetzt, indem wir das Thema der ehemaligen Paulinerkirche mit ihrem Originalstandort als so wichtig erachtet haben, dass wir das Hauptgebäude aus den 70er Jahren weiter eingekürzt haben, um diesen Ort wieder freizuhalten. Letzten Endes war das einer der entscheidenden Aspekte, der die ganze nachfolgende Diskussion angefacht hat, denn mit einem Mal war der Ort wieder da, er war thematisiert, er war sichtbar, es war möglich ihn wieder zu bebauen. Diese Diskussion, die im Vorfeld des Verfahrens wahrscheinlich nicht zu Ende geführt worden war, hatte nochmal einen wesentlichen Einfluss auf die weitere Entwicklung des Campus. Das Thema der Höfe, der Art der Bebauung, der Baulinien, der historischen Enge der Universitätsstraße und der Grimmaischen Straße, auch der Kommunikation Richtung Augustusplatz, und die Durchwegung, waren die Themen, das wir maßgeblich aus dem Vorkriegscampus mitgenommen haben.

Fragen an Martin Behet

Wir stehen vor dem Institutsgebäude in der Grimmaischen Straße. Wie sehen Sie den Anspruch der Reintegration der Universität in die Leipziger Innenstadt verwirklicht?

Von Anfang an war das für uns ein ganz wichtiger Anspruch im Städtebau. Es ging vor allem darum, die Fragmente so mit Neubauten zu ergänzen, dass sich durch Gassen, Passagen, Durchgänge, auch Durchblicke – wir sehen das hier an dieser Stelle am Durchgang zum Innenhof eigentlich sehr schön – der universitäre Campus tatsächlich mit der Stadtstruktur verwebt. Und wir meinen, dass das eigentlich sehr gut gelungen ist. Wir kommen gerade vom Innenhof, haben gesehen, wie auch universitätsfremde Menschen ihn als Abkürzung nutzen, um von A nach B zu kommen. Wir finden es total gut, dass die Universität als Stadtbaustein – das ist ja das Besondere an diesem Standort – auch im Alltag erlebbar wird, nicht nur für die Mitglieder der Uni, sondern auch für die Bürger der Stadt.

Wir sehen hier, dass im Erdgeschoss auch universitätsfremde Einrichtungen Einzug gehalten haben. Wie gelungen finden Sie diese Integration?

Auch das ist für uns ein ganz wichtiger Ansatz gewesen. Man kann das grundsätzlich diskutieren. Das wurde auch zur Planungszeit durchaus kritisch gesehen: Warum muss die Universität auch noch kommerzielle Flächen anbieten? Wir finden es aber gerade im Sinne der Integration in den Stadtkörper und auch in der Funktion, die wir hier in der Grimmaischen Straße haben, ganz wichtig, dass hier nicht eine tote Erdgeschosszone entsteht oder eine Erdgeschosszone mit fremden Einrichtungen, sondern dass hier etwas entsteht, was tatsächlich genau zu dem Ort passt, an dem eingekauft wird. Im Übrigen haben hier auch schon, wie wir bei der historischen Recherche festgestellt haben, im 17., 18. Jahrhundert Marktstände gestanden, also lässt sich sozusagen ein ganz früher geschichtlicher Bezug herstellen, dass an diesem Ort auch Handel stattgefunden hat. Und wir finden, es tut einem Gebäude immer gut, wenn viele Funktionen zusammenkommen. Das steigert die Lebendigkeit und an dieser Stelle die Vermischung von Stadt und Universität.

Welchen Stellenwert hat dieser Universitätsneubau im Herzen einer Großstadt, der natürlich sehr maßgeblich den studentischen Alltag mitprägt, in Ihrem Werk?

Für uns ist die Uni Leipzig nach wie vor ein ganz, ganz wichtiges Projekt. Wir sind als sehr junges Büro damals über einen Wettbewerb zu dem Auftrag gekommen. Es gab einen wahnsinnig spannenden Prozess, auch einen nervenaufreibenden. Wir finden das Ergebnis nach wie vor sehr gut. Und tatsächlich ist dieses Projekt eines, das unser Büro, unsere Büroidentität auf ganz besondere Art und Weise geprägt hat. Und wir sind eigentlich immer noch und immer wieder auf der Suche nach universitären Projekten, weil wir diese Aufgaben ganz besonders spannend finden, vor allem vor dem Hintergrund der Erfahrungen, die wir hier in Leipzig gemacht haben.

Ich würde nochmal die Einstiegsfrage stellen. Wir stehen hier in der Grimmaischen Straße mit Blick auf das Institutsgebäude der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät. Welche Idee hat man denn hier beim Neubau verwirklicht?

Wir haben ja vorhin schon davon gesprochen, dass es ein wichtiger Aspekt ist, dass sich die Universität nicht als einheitlicher Riesenkomplex darstellt, sondern sich sehr differenziert nach verschiedenen Seiten hin in ihren Fassaden, in ihrer Architektursprache artikuliert. Insofern war es wichtig, dass hier an der Grimmaischen Straße, der städtischsten Seite des Campus, mit einer Natursteinfassade mit Lochfenstern eine Architektursprache aufgegriffen wurde, die den Dialog zur Umgebung aufnimmt, und insofern war das genau der Ansatz, den wir gewählt haben und wo ich auch nach wie vor sagen würde, es war der richtige an dieser Stelle.