NEUES AUGUSTEUM

Thomas Braatz, Mitarbeiter am Universitätsrechenzentrum,
über seine Erfahrungen auf dem Uni-Campus am Augustusplatz in der DDR und heute

Anfang 1988 unterschrieb ich meinen Arbeitsvertrag in der Kaderabteilung, meine erste Begegnung mit der Verwaltung. Auf die Frage, wo sich mein Arbeitsplatz befinde und wie ich dorthin komme, bekam ich zur Antwort: „Im Hauptgebäude.“ „Ist das da, wo der schwarze Fleck ist?“ fragte ich naiv. Ich wurde zurechtgewiesen, das sei ein Kunstwerk, was ich mir erlaube. Die Dame kannte einen der Künstler persönlich. Als Auswärtiger kannte ich nur den von Leipzigern abfällig geprägten Namen „Schwarzer Fleck“.

Das Hauptgebäude war ein für die 1970er Jahre typischer DDR-Bau und sollte den Karl-Marx-Platz nach dem Willen von Walter Ulbricht verschönern. Vor dem Gebäude gab es kostenlose Parkplätze für ausgewählte Mitarbeiter der Karl-Marx-Universität. Davon träumt man heute. Hier saß das Rektorat in der ersten Etage, im Erdgeschoss befand sich der legendäre Ziegenledersaal. Die Gänge in der zweiten Etage konnten von uns Mitarbeitern nicht genutzt werden, diese waren verschlossen, das war der Parteibereich. Heute würde man sagen, man durfte die rote Linie nicht überschreiten.

Das Universitätsrechenzentrum befand sich am Ende des Gebäudetrakts, verteilt über mehrere Etagen. Ich saß im Zimmer 4-01, einem Raum, der eigentlich mal als Großrechnerraum gedacht war. Aber wie immer dauerten die Planungen und die Ausführungen länger, und die Nutzung änderte sich noch vor der Fertigstellung. Der Vorteil war, wir saßen zu dritt und hatten eine Klimaanlage. Die half im Sommer durch die kalte Luft, die ständig ausströmte. Steuerbar war nichts. In einigen Sekretariaten gab es Rohrpostschächte, darüber wurde wohl nie Post verschickt, ein Glanzstück der Planung. Auch den geplanten bewachten separaten Rechenzentrumseingang hat es so nie gegeben.

In der Mittagspause ging es in die Mensa, die sich entlang der Grimmaischen Straße befand. Hier hatten die Mitarbeiter einen eigenen Essenbereich in der ersten Etage, ganz ohne Studierende. Der Speisessaal für die Studierenden befand sich im Erdgeschoss, er reichte aber nicht aus. Hier fanden nach der Wende die ersten LAN-Partys, organisiert durch die Studierenden, statt.

Die heutige Mensa ist viel schöner, die Essensauswahl sehr groß. Die Planer haben für die Laufwege von der Kasse zum Speisesaal und zur Geschirrabgabe aber eine kaum passierbare Kreuzung eingebaut, und es gibt zu Stoßzeiten nicht genug Sitzplätze. Viele Mitarbeiter, einen eigenen Verzehrraum haben sie nun nicht mehr, gehen deshalb schon um 11 Uhr essen, wenn die Mensa öffnet.

Um die Neuverteilung der Räume innerhalb des Hauptgebäudes wurde seit 1989 gekämpft. Die Informatik wurde im September 1989 gegründet, und das Rechenzentrum wurde integriert. Die Professoren brauchten Räume und die „Sonstigen Mitarbeiter“ sollten weichen. Aber wir verteidigten die Räume. Für uns war es ein Glücksumstand, dass die Wende kam und das Rechenzentrum nach einem längeren Prozess wieder eigenständig wurde. Den meisten Professoren wurde das Misstrauen ausgesprochen, ihre Vergangenheit holte sie ein. Sie verließen mehrheitlich unfreiwillig die Uni.

Tatsächlich gab es zu diesem Zeitpunkt an der Universität mehr Demokratie, und die Mitarbeiter konnten sich besser einbringen als heute. Die Hoffnung auf Veränderung war groß, die Ernüchterung erfolgte schleichend in den nächsten Jahren.

Durch den Stellenabbau an der Universität, den gab es nun ununterbrochen von 1990 bis 2016, kam es öfter zu studentischen Protesten. Das Rechenzentrum verlor in den ersten Nachwendejahren die Hälfte seiner Mitarbeiter. Die Studierenden belagerten zeitweilig das Hauptgebäude, so dass wir in dieser Zeit konnten nur durch die Kellerräume zu unseren Arbeitsplätzen gelangen konnten. Mit dem planmäßigen Umzug des Rektorats1997 in die Ritterstraße war das Schicksal des Hauptgebäudes wohl besiegelt. Letztendlich wurde es abgerissen, da der Brandschutz nur mit hohem Aufwand hätte gewährleistet werden können. Sicherlich ein Vorwand, aber ehrlich gesagt weinten wir dem Gebäude keine Träne nach. Es hatte an manchen Stellen Risse, mitverursacht durch den Bau der Tiefgarage auf dem Augustusplatz. In den Kellerräumen des Rechenzentrums war es nach starkem Regen immer wieder feucht. Ein kleiner Wermutstropfen war der Verlust des unverwüstlichen Paternosters. Es war immer nett anzusehen, wenn ein Handwerker der Meinung war, dass man mit jeder Leiter da rein kann und der Paternoster plötzlich stillstand. Wir durften noch dem Baulärm von der Tiefgarage und vom Hochhaus lauschen, dann wurden wir erlöst. Wir zogen vorübergehend in das Städtische Kaufhaus, das Hauptgebäude wurde abgerissen.

Das Neue Augusteum ist ein Hingucker. Über den Anbau, die Integration der Kirche kann man nur so viel sagen: Es gibt die Trennung von Staat und Kirche, und die sollte man einhalten. Die Einmischung in die Uni-Angelegenheiten von außen war kaum erträglich. Auch die Nacht- und Nebelaktion beim Verkauf des Uni-Riesen, in dem ein Jahr zuvor noch LAN-Kabel verlegt worden waren, bleibt unvergessen.

Die neuen Gebäude auf dem Campus Augustusplatz und die Verbindungen der Gebäude untereinander sind eine Erleichterung. Jetzt sitzen wir in klimatisierten Räumen, haben eine Glasfront, die von oben bis unten reicht und sind wieder nicht zufrieden. Woran liegt das? Die klimatisierten Räume haben teilweise keine Fenster, die man öffnen kann. Im Winter wird das Klima automatisch eingestellt, und man ist den Entscheidungen der Temperaturfühler ausgeliefert, auch wenn das eigene Wohlbefinden leidet. Ruft man einen Techniker an, wird es besser, bis der Kollege im Nachbarzimmer sich beschwert, denn in seinem Zimmer wurde etwas zu viel herunterreguliert. Der Fluch der neuen Technik und des Energiesparkurses.

Ein Blick auf den Augustusplatz entschädigt für diese Unannehmlichkeiten. Übrigens hatten wir schon 1989 einen guten Blick auf die Montagsdemos, auch wenn wir eigentlich darauf hingewiesen wurden, das Gebäude vorher zu verlassen. Man bekam Gänsehaut, wenn der Ruf erschallte: „Wir sind das Volk. “ Heute wird es unangenehm, wenn die Beachvolleyballer „baggern“ und die Spielzüge über eine Lautsprecheranlage kommentiert werden.

Der Uni-Innenhof hinterlässt heute einen zwiespältigen Eindruck. Die ehemals dort gut sichtbar aufgestellte Glocke ist im Kirchturm verschwunden. Das Iglu (Audimax) sieht von außen nicht schön aus. Hier sollten alte Ansichten der Uni-Gebäude angebracht werden, damit die Augen abgelenkt werden.

Die Entscheidung, an der Uni zu arbeiten, habe ich bisher nicht bereut. Im Gegensatz zu vielen anderen Arbeitgebern steht die Universität wie ein Fels in der Brandung und bietet ihren Mitarbeitern einen sicheren Arbeitsplatz. Vielleicht erhält das „kleine“ Nebengebäude, das aufgeschlagene Buch, eines Tages zu Recht seinen Namen „Uni-Riese“ wieder. Platzbedarf gibt es genug.