Ein Blick in die Geschichte

Prof. Armin Meisel: Mein Leben

1926 - 1944

Am 4. August 1926 wurde ich in Meißen an der Elbe geboren. Meine Mutter war als jüngstes von 8 Kindern bei allen wegen ihrer Hilfsbereitschaft sehr beliebt und hatte als gefragte Wäscheschneiderin und Stickerin ein kleines Einkommen. Sie musste meine verwitwete Großmutter pflegen und meinte deshalb nicht heiraten zu können. Von meinem später als Galvaniseurmeister in Zwickau arbeitenden Vater hat sie mir nie etwas erzählt. Ich habe sie auch nicht danach gefragt, weil ich merkte, dass ihr dieses Thema unangenehm war und sie nicht darüber sprechen wollte. Meine Mutter erzog mich im christlichen Sinne, sie war mit der Kirche eng verbunden und sang mehr als 40 Jahre im Kirchenchor. Dem Kantor, der auch an der Meißner Oberschule Musikunterricht gab, habe ich es zu verdanken, dass mich meine Mutter im Realgymnasium Franziskaneum anmeldete. (Ein Jahr später wurde die Schule in Fichte-Schule Meißen umbenannt.) Damit kam ich als erster aus der großen Familie meiner Großmutter in den Genuss einer höheren Schulbildung. Mit 10 Jahren musste ich wie alle Jungen in das Deutsche Jungvolk, einer Untergliederung der Hitlerjugend, eintreten. Zweimal in der Woche hatten wir nachmittags „Dienst“, der im Wesentlichen aus Geländespielen, Sport, Singen und Zeltlagern im Sommer bestand – vielleicht am ehesten mit der damals verbotenen Pfadfinderbewegung zu vergleichen. Die politische Beeinflussung im Sinne der Nazis erfolgte erst in der eigentlichen Hitlerjugend für die 14 – 18Jährigen. Mein Vorgesetzter riet mir, als Fähnleinführer beim Jungvolk zu bleiben, was ich auch gern machte. Bei mir zu Hause wurde nie über Politik gesprochen. Dazu vermisste ich meinen Vater, der mich vielleicht aufgeklärt hätte. Erst viele Jahre später, in Kriegsgefangenschaft, erfuhr ich von den wahren Zielen der Nazis und ihren ungeheuren Verbrechen. Es fällt mir auch heute noch schwer zu verstehen, wie Hitler es fertigbringen konnte, einen beträchtlichen Teil der deutschen Bevölkerung zumindest bis Kriegsanfang für sich zu begeistern.

1945 - 1947

Mit 17 Jahren wurde ich zur Wehrmacht eingezogen. Da wir uns in der Oberschule als Reserveoffiziersbewerber verpflichten mussten, kam ich erst nach einer neunmonatigen Ausbildungszeit im Februar 1945 als Gefreiter an die Westfront. Nach dreitägigem sinnlosen Kampfeinsatz in der Pfalz, ohne dass ich einen Schuss abgeben musste, geriet ich in amerikanische und bald darauf in französische Kriegsgefangenschaft, aus der ich erst nach 2,5 Jahren entlassen wurde. Die meiste Zeit davon war ich zur Holzgewinnung in den Wäldern Nordfrankreichs eingesetzt, bis mich Anfang 1947 der französische Lagerkommandant zu einem vierwöchigen Lehrgang nach Orleans schickte. Dort konnte ich von ebenfalls kriegsgefangenen deutschen Professoren Vorlesungen über Geschichte, Politik, Jura und Ökonomie hören. Nach einer Abschlussprüfung kehrte ich mit einer Urkunde als Kulturreferent in mein Stammlager in Laon (Aisne) zurück und musste die Herausgabe der monatlich erscheinenden achtseitigen Lagerzeitung übernehmen. Für die Redaktion sowie für Satz und Druck der Zeitung in einer französischen Druckerei konnte ich mir vier Mitarbeiter auswählen. Vor dem Druck musste ich das deutsche Manuskript dem Lagerkommandanten in französischer Sprache zur Genehmigung vortragen. Zuständig war meine kleine Gruppe auch für die Verteilung der Zeitung im Stammlager und den Versand in die Außenkommandos. Nach sechs Monaten wurde unser Lager mit einem anderen zusammengelegt, und ich wurde mit meinen Mitarbeitern im Oktober 1947 vorzeitig aus der Gefangenschaft entlassen.

1948 - 1956

In Meißen zur großen Freude meiner Mutter angekommen, rieten mir ehemalige Klassenkameraden Neulehrer zu werden. Die Vorstellung beim Leiter einer Meißner Grundschule dauerte nicht lange, er führte mich in eine 8. Jungenklasse, die schon eine Stunde ohne Lehrer war, stellte mich als ihren neuen Klassenlehrer vor und wünschte mir viel Erfolg. Ich musste alle Fächer unterrichten außer Russisch und Geschichte; es gab weder Lehrpläne noch neue Lehrbücher. Ein paar Tage später teilte mir der Schulleiter mit, dass sich Eltern meiner Schüler darüber beschwert hätten, wieso ein ehemaliger HJ-Führer ihre Kinder erziehen könnte. Darauf zu reagieren, bot mir der Schulleiter zwei Möglichkeiten an: Entweder er versetzt mich auf ein Dorf, wo mich niemand kennt, oder ich gebe kund, dass ich nicht mehr so denke wie früher. Die erste Möglichkeit konnte ich meiner Mutter nicht antun, und bezüglich der zweiten lachten mich meine Kollegen wegen meiner Ignoranz aus. „Es ist doch ganz einfach. Tritt wie wir alle in die SED ein, und du hast deine Ruhe. Der Mitgliedsbeitrag ist gering, und Versammlungen gibt es nicht.“ Ohne weiter darüber nachzudenken wurde ich also Genosse.

Nach einem Jahr delegierte mich der Kreisschulrat zum Pädagogikstudium an die Technische Hochschule Dresden. Ich wählte als Hauptfach Chemie und als Nebenfach Mathematik. Als Student ließ mich die Partei natürlich nicht mehr in Ruhe. Oft gab es Versammlungen und Schulungen, man schickte mich auf eine Parteischule und übertrug mir verschiedene Funktionen. Jetzt wurde mir klar, dass ich nicht in die Partei gehörte und die nächste Gelegenheit zum Austritt nutzen sollte. Aber während des Studiums hätte mich dies den Studienplatz gekostet. Als Student habe ich auch meinen Vater kennengelernt. Ein mit meinem Vater befreundeter Onkel von mir übermittelte mir dessen Wunsch, ihn in Zwickau zu besuchen. Eine innige Beziehung zu meinem Vater entstand daraus aber nicht. Ein Jahr später starb er mit 55 Jahren an einem Herzinfarkt. In Zwickau lernte ich auch meine Halbschwester kennen, von deren Existenz ich nichts wusste. Nach meinem 3. Semester wurde die Lehrerausbildung von Dresden nach Leipzig verlegt. Ich nutzte den Hochschulwechsel, um Pädagogik durch Astrophysik zu ersetzen, da ich kein Grundschullehrer in der DDR werden wollte.

Nach meinem Staatsexamen, das ich mit Auszeichnung bestand, wurde mir am Physikalisch-Chemischen Institut der Universität Leipzig 1953 eine Assistentenstelle angeboten. Als Doktorarbeit übertrug man mir ein Thema aus der Industrie. Ich sollte Vorschläge erarbeiten, wie man die in Böhlen und Espenhain in großen Mengen anfallenden Braunkohlenfilteraschen verwenden kann. Neben theoretischen Betrachtungen untersuchte ich die mineralogische Zusammensetzung der Aschen hauptsächlich mit Hilfe der röntgenographischen Gemischanalyse und konnte zeigen, wie man die hydraulischen Eigenschaften der Aschen verbessern und daraus Baumaterialien herstellen kann. Den Volksaufstand vom 17. Juni 1953 nutzte ich zum Austritt aus der SED mit der Begründung, dass ich die Parteilinie nicht mehr verstehe und dass ich lieber ein fortschrittlicher Parteiloser als ein schlechter Genosse sein möchte. 1954 erhielt ich einen Lehrauftrag zur Ausbildung der Chemiestudenten in höherer Mathematik mit Vorlesungen, Übungen, Klausuren und Abschlussprüfungen (bis 1968). 1956 wurde ich mit der Note magna cum laude zum Dr. rer. nat. promoviert. Kurz danach stellte in einem Kolloquiumsvortrag an unserem Institut der Physikprofessor Alfred Faessler von der Universität München seine ersten Ergebnisse über den Einfluss der chemischen Bindung auf die charakteristischen Röntgenemissionsspektren vor, die er mit einem in seiner Werkstatt gebauten Spektrometer erhalten hatte. Diese Untersuchungen waren natürlich auch für Chemiker interessant, die sich mit Fragen der chemischen Bindung in festen Stoffen befassten, sodass ich mich entschloss, dieses Thema zum Inhalt meiner Habilitationsarbeit zu machen. Ich in-formierte mich in München über den erforderlichen Gerätebau, zu dem mir Professor Faessler und seine Mitarbeiter alle mögliche Unterstützung anboten, insbesondere wie man ein besseres Gerät mit höherem Auflösungsvermögen erhalten könnte. In enger Zusammenarbeit mit den Leitern unserer feinmechanischen und elektronischen Institutswerkstätten Helmut Ehrhardt bzw. Alexander Kopczynski, meinem ersten Doktoranden Dieter Köstler und meinem ersten Diplomanden Wadim Nefedow gelang es uns, auch unter den schwierigen DDR-Bedingungen innerhalb eines Jahres ein solches Spektrometer herzustellen und die ersten Messungen erfolgreich durchzuführen.

1957 - 1967

Im Jahre 1957 war ich zum Oberassistenten befördert worden. Wie in ähnlichen Fäl-len (Ernennung zum Dozenten, Berufung zum Professor) musste ich zuvor eine längere schriftliche Erklärung abgeben, warum ich aus der Partei ausgetreten war. Meine loyale Einstellung zur DDR musste ich durch die Übernahme zahlreicher gesellschaftlicher Funktionen nachweisen: als Vorsitzender der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft an der Chemie, als Vorstandsmitglied der Urania-Gesellschaft an der Universität, als Leiter der Neuererbewegung (freiwilliges, ideenreiches Vorschlagswesen) und damit als Mitglied der Universitätsgewerkschaftsleitung sowie als Leiter der Lehrmittelkommission Chemie an den Universitäten und Hochschulen der DDR und damit als Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats Chemie beim DDR-Ministerium für das Hoch- und Fachschulwesen. Außerdem hatte mir mein Institutsdirektor die nicht unerhebliche Verwaltungsarbeit am Institut übertragen.

Im Frühjahr 1955 verließ Institutsdirektor Professor Staude aus politischen Gründen die DDR, und ich erhielt die Einladungen zur 550-Jahrfeier der Universität (1953 in Karl-Marx-Universität umbenannt). Bei einem Empfang im Neuen Rathaus lernte ich den Direktor des damaligen Zentralinstituts für Physikalische Chemie der Deutschen Akademie der Wissenschaften und gleichzeitig Vorsitzenden des Forschungsrates der DDR, Professor P. A. Thießen, kennen. Er interessierte sich für die Lage der Physikalischen Chemie in Leipzig und auch für meine eigene Forschungsarbeit. Da er nach dem Krieg elf Jahre in der Sowjetunion als Wissenschaftler tätig war, kannte er die Entwicklung der Röntgenspektralanalyse in Russland sehr gut und bot mir die Organisation einer vierwöchigen Studienreise nach Russland zusammen mit zwei Mitarbeitern zur Aufnahme von wissenschaftlichen Kontakten an. Mit Herrn Ehrhardt und Herrn Köstler besuchte ich im November 1960 die mir aus der Literatur bekannten Fachkollegen I. B. Borowski und E. J. Wainstein in Moskau, M. A. Rumsch und A. P. Lukirski in Leningrad und M. A. Blochin in Rostow am Don. Wir vereinbarten eine wissenschaftliche Zusammenarbeit in Form von gegenseitigen Studienaufenthalten und Konferenzbesuchen, die Übersetzung von Monographien und insbesondere den Austausch von Doktoranden.

In Leipzig bewährte sich unser Spektrometer, und es entstanden die ersten Veröffentlichungen in wissenschaftlichen Zeitschriften über den Informationsgehalt der Spektren zur Untersuchung der chemischen Bindung in Molekülen und Festkörpern. 1961 wurde in unserer Werkstatt ein zweites Spektrometer für das härtere Röntgengebiet gebaut. In den folgenden Jahren haben wir in beiden Geräten zur Erhöhung der Intensität und zur Verbesserung des Auflösungsvermögens die photographische durch Ionisationsregistrierung der Spektren ersetzt. Jetzt waren wir in der Lage, auch die Absorptionsspektren zu untersuchen. 1962 begannen zwei meiner ersten Diplomanden die Arbeit an ihrer Dissertation in Moskau. Ein Jahr später erschien unsere Übersetzung einer Monographie von M. A. Blochin, und wir konnten als erste Ausländer die Konferenz sowjetischer Röntgenspektroskopiker in Jerewan besuchen. Der regelmäßige Doktorandenaustausch mit der Universität Rostow begann 1967.

Anfang 1964 verteidigte ich meine Habilitationsarbeit „Über den Einfluss der chemischen Bindung auf das Röntgen-K-Emissionsspektrum der Elemente der ersten Übergangsreihe“ und wurde zum Dozenten für Physikalische Chemie ernannt. An-fang 1965 erhielt ich die erste Einladung zu einem Vortrag außerhalb der DDR und der sozialistischen Länder, und zwar von Professor Faessler nach München. Nach dem Vortrag fragte man mich, ob wir nicht ein Symposium in Leipzig organisieren könnten, auf dem sich westdeutsche und russische Fachkollegen treffen könnten. Nach Rücksprache mit meinen Universitätsbehörden erhielt ich grünes Licht, und wir begannen ein solches Symposium für September 1965 vorzubereiten und Einladungen zu verschicken. Wenige Tage später rief mich Professor Faessler mit der überraschenden Nachricht an, dass er eine Einladung zu einer Konferenz mit gleicher Thematik der amerikanischen Röntgenspektroskopiker im Juni 1965 an der Cornell-Universität in Ithaca im Staate New York erhalten hatte. Er empfahl mir, unser Symposium trotzdem durchzuführen und mich zu bemühen, an der amerikanischen Konferenz teilzunehmen. Mit einer guten Begründung gelang mir das auch. Auf dieser Konferenz wurde nur Englisch gesprochen, und ich konnte zur Aussprache des amerikanischen Englisch viel lernen. Ich informierte die Konferenzteilnehmer über die in Leipzig geplante Konferenz und lud dazu ein. Im September konnten wir etwa 100 Teilnehmer aus elf verschiedenen Ländern begrüßen. (In Ithaca waren es etwa genauso viel, aber mit geringerer internationaler Beteiligung; aus den sozialistischen Ländern war ich der Einzige.) Bei uns wurden 41 Vorträge gehalten, davon 18 in Deutsch (darunter 5 von Russen, die sich bemühten Deutsch zu sprechen), je 10 in Englisch und Russisch und 3 in Französisch. Sprachschwierigkeiten versuchten wir mit Hilfe von Dolmetschern zu überwinden. Um die Probleme von praktisch zwei gleichen Konferenzen in einem Jahr künftig zu vermeiden, wurde in Leipzig ein internationales Komitee gegründet mit der Aufgabe, die Orte der nächsten Konferenzen in zweijährigem Rhythmus festzulegen. Solche Konferenzen werden noch heute mit der allgemeineren Bezeichnung „X-ray and inner-shell processes“ regelmäßig durchgeführt.

1968 - 1983

1968 wurde ich zum Professor für Physikalische Chemie berufen. Im gleichen Jahr führte eine Hochschulreform in der DDR zu einschneidenden Veränderungen in der Wissenschaftsorganisation. Die Institute wurden abgeschafft und zu Sektionen zusammengelegt. Die Gliederung der Sektion Chemie erfolgte zunächst in 5 For-schungskollektive, ab 1972 in 14 Arbeitsgruppen und ab 1981 in 8 Wissenschaftsbereiche. Als erster Direktor der Sektion Chemie wurde Professor Siegfried Hauptmann eingesetzt, der als Genosse in erstaunlicher Weise als seine Stellvertreter zwei parteilose Wissenschaftler wählte, darunter mich für Erziehung und Ausbildung. In dieser Funktion war ich auch für eine erste Auswahl der Studienbewerber für die Fachrichtungen Chemie-Diplom und Chemielehrer zuständig. Ich erinnere mich an einen Fall, in dem es zwischen mir und dem damaligen Parteisekretär der Sektion, der in allen Personalfragen das letzte Wort hatte, zu einem heftigen Streit kam. Er lehnte meinen Vorschlag ab, den Sohn eines Pfarrers auf Grund seiner guten Abiturnoten zum Lehrerstudium zuzulassen. Auf meine Frage, wo das steht, dass ein Pfarrersohn in der DDR kein Lehrer werden darf, gab er mir keine Antwort. Stattdessen kritisierte er meine politische Einstellung, mein fehlendes sozialistisches Bewusstsein, meinen Klassenstandpunkt usw. Aber da er mir die Antwort auf meine Frage schuldig blieb, konnte ich meine Entscheidung durchsetzen. Nach vielen Jahren traf ich zufällig den Pfarrerssohn wieder. Er erzählte mir, dass die Berufstätigkeit in der DDR für ihn nicht einfach war, weil man die Arbeit eines Lehrers als politische Tätigkeit betrachtete. Aber nach der Wende war er zum Schulleiter ernannt worden, was mich freute.

Auf den beiden Konferenzen 1965 hatte ich zum ersten Mal Vorträge über eine der hochauflösenden Röntgenspektroskopie ähnliche Methode, die Photoelektronen spektroskopie, gehört. Sie war in den letzten Jahren an der Universität Uppsala von dem schwedischen Physiker und späteren Nobelpreisträger (1981) Kai Siegbahn entwickelt worden. Er hatte dafür die Bezeichnung ESCA (Electron Spectroscopy for Chemical Analysis) gewählt. Für diese Methode, die sich auch für die immer größeres Interesse findenden Oberflächenuntersuchungen insbesondere für die Katalyse- und Halbleiterforschung eignet, wurden in den folgenden Jahren modernste Geräte industriell hergestellt. Unter drei Bewerbern erhielten wir 1973 den Zuschlag für den Import des ersten Photoelektronenspektrometers in der DDR. Wir entschieden uns für ein in England hergestelltes und etwa eine Million Mark teures Gerät. Damit konnten wir unsere röntgenspektroskopischen Messungen ergänzen und ein neues Forschungsgebiet, die Untersuchung der chemischen Zusammensetzung von Oberflächen, beginnen. 1977 erschien unsere Monographie „Röntgenspektren und chemische Bindung“ (Autoren: A. Meisel, G. Leonhardt und R. Szargan), die 1981 in russischer Sprache von einem Kiewer Verlag herausgegeben wurde. Die von Amerikanern vorgeschlagene englische Übersetzung konnte aus verschiedenen Gründen erst einige Jahre später realisiert werden, sodass wir uns entschlossen, unser Buch gründlich zu überarbeiten und auf den neuesten Stand zu bringen. Erst 1989, kurz vor der Wende, erschien die englische Ausgabe als Band 37 der Serie Chemical Physics im Springer-Verlag Heidelberg.
Ende der 70er Jahre spielte bei uns die Photoelektronenspektroskopie insbesondere für die Oberflächenanalytik der A(III)B(V)-Halbleiter wie GaAs eine immer größere Rolle. Zum Erfahrungsaustausch gab es internationale Arbeitstreffen, Symposien und eine neue Konferenzserie. Als neue Zeitschrift wurde das „Journal of Electron Spectroscopy“ gegründet, in deren Herausgeberstab ich berufen wurde. Im Jahre 1981 wurde ich mit der Leitung des neu gegründeten Wissenschaftsbereiches Physikalische Chemie beauftragt. Als eigenständiges Wissenschaftsgebiet war die Physikalische Chemie gegen Ende des 19. Jahrhunderts von Wilhelm Ostwald mitbegründet wurden. 1887 erhielt er den Ruf als Professor für Physikalische Chemie an der Universität Leipzig, konnte 1898 den ersten Neubau für das neue Wissenschaftsgebiet mit einer großen Feier einweihen und Leipzig zum Mekka der Physikalischen Chemie machen. Hauptsächlich aus gesundheitlichen Gründen verließ er 1906 die Universität und zog mit seiner Familie auf seinen Landsitz nach Großbothen bei Leipzig. 1909 wurde ihm für seine Arbeiten zur Katalyse der Nobelpreis für Chemie verliehen. Er starb 1932 im Alter von 79 Jahren.

Nach Max Le Blanc leitete Karl Friedrich Bonhoeffer von 1934 – 1947 das Institut. Einer seiner Brüder war der (von mir sehr verehrte) berühmte Theologe und Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer, der noch im April 1945 von den Nazis hingerichtet wurde. 1943 wurde das Institut im 2. Weltkrieg bis auf die Grundmauern zerstört und Anfang der 50er Jahre zum Teil wieder aufgebaut. Zur Bewahrung von Ostwalds Erbe und insbesondere zur Pflege der Gedenkstätte und des Museums in Großbothen wurde 1987 ein Verein gegründet, der sich später Wilhelm-Ostwald-Gesellschaft nannte. Als Vorstandsmitglied hatte ich die Großbothener Gespräche zu organisieren und konnte als Vortragende namhafte Wissenschaftler wie die Nobelpreisträger Manfred Eigen und Ilya Prigogine gewinnen. 1994 wurde an der Sächsischen Akademie der Wissenschaften, deren Mitglied Ostwald war, ein Wilhelm-Ostwald-Komitee gegründet, dem ich über 20 Jahre angehörte. Das Physikalisch-Chemische Institut wurde 1993 wiedergegründet und erhielt 1998 zu seinem 100-jährigen Bestehen den Namen Wilhelm-Ostwald-Institut für Physikalische und Theoretische Chemie.

1984 - 1994

Im Jahre 1984 luden wir zu einer internationalen Konferenz „X-Ray and Inner-Shell Prozesses in Atoms, Molecules and Solids“ nach Leipzig ein. 346 Wissenschaftler aus 28 Ländern folgten unserer Einladung. Im ersten Plenarvortrag gab Kai Sieg-bahn einen Überblick über die Entwicklung der Photoelektronenspektroskopie. Es wurden 48 Vorträge gehalten und 219 Poster diskutiert. Den Höhepunkt des gesell-schaftlichen Programms bildete ein Orgelkonzert in dem neuen Leipziger Gewand-haus. Bezüglich der Einreiseformalitäten wurde ich allerdings mit zwei Problemen konfrontiert. Ich hatte erfahren, dass sich die DDR wie viele andere Länder verpflichtet hatte, für Besucher internationaler Konferenzen keine Einreiseverbote auszusprechen. Und doch erhielt ich für zwei Wissenschaftler aus der Bundesrepublik keine Einreisevisa. Der erste Fall betraf einen Wissenschaftler, der aus der DDR geflohen war, aber seitdem schon einmal privat die DDR besucht hatte. Mit diesem Argument konnte ich die entsprechenden Dienststellen schließlich überzeugen. Den zweiten Fall konnte ich trotz großen Zeitaufwands nicht erfolgreich abschließen. Es handelte sich um einen Assistenten der Universität Köln, der – wie ich einige Jahre später bei einem Besuch in Köln erfuhr – ein Einreiseverbot in die DDR erhalten hatte, weil er in Ostberlin an einer verbotenen Demonstration teilgenommen hatte. Aber das hatte er mir verschwiegen, und von den DDR-Behörden erhielt ich auf meine Visumsanfragen immer nur die Antwort „ nein“ ohne Angabe von Gründen. Dieser Fall hatte noch ein unangenehmes Nachspiel. Der Kölner beschwerte sich bei der IUPAP (International Union of Pure and Applied Physics) und schickte mir eine Kopie davon, die ich aber nie erhalten habe („Postgeheimnis“ der DDR). Auf der nächsten Vorstandssitzung der IUPAP musste der DDR-Vertreter diesen Fall erklären. In einer vorherigen Aussprache mit mir schlug er die Notlüge vor, der Kölner hätte das Einreisevisum zu spät beantragt, und ich musste dem zustimmen.

Unsere internationalen Beziehungen bereicherten unsere Forschungsarbeit. Mit der Sowjetunion hatten wir natürlich die besten Beziehungen. Sowjetische Wissenschaftler besuchten uns oft, und meine älteren Mitarbeiter weilten dort zu längeren Studienaufenthalten. Sehr eng – bis zu seinem frühen Tod im Jahre 2008 – blieben wir mit meinem ersten Diplomanden Wadim Nefedow verbunden. Nach seiner Rückkehr in die Sowjetunion promovierte er in Moskau, und nach seiner Habilitation wurde er zum Professor berufen und in das Präsidium der sowjetischen Akademie der Wissenschaften gewählt. Er betreute die Doktorarbeiten zweier Diplomanden von uns und war der erste Wissenschaftler auf der in der DDR neu geschaffenen Wilhelm-Ostwald-Gastprofessur. Nach der Wende arbeitete er ein Jahr als Humboldt-Preisträger in unserer nach meiner Emeritierung nunmehr von Rüdiger Szargan geleiteten Forschungsgruppe. Auch mit westlichen Ländern hatten wir guten Kontakt. Erwähnt seien die längere Gastdozentur von Rüdiger Szargan an der Universität Turku, die längeren Studienaufenthalte von Gunter Leonhardt an der Universität Uppsala, von Peter Streubel an der Universität Wien, Thomas Chassé in Tokio und von Tobias Reich (nach der Wende) in Berkeley. Ich selbst absolvierte ein reiches Vortragsprogramm im In- und Ausland und wurde beauftragt, im Rahmen eines Regierungsabkommens einen Teil der wissenschaftlich-technischen Zusammenarbeit mit der Universität Wien zu koordinieren. Jeweils vier Wochen weilte ich als Gastprofessor an den Universitäten in Lyon und Paris. Nach Lyon hatte mich Professor Jacques Robin im Rahmen der Städtepartnerschaft Leipzig – Lyon und nach Paris die in Frankreich berühmte Professorin Yvette Cauchois eingeladen, die wesentlich zur Entwicklung der hochauflösenden Röntgenspektroskopie beigetragen hatte. Ich zählte sie neben Alfred Faessler und Michael A. Blochin zu meinen Lehrmeistern.

Nach meiner planmäßigen Emeritierung 1991 bat mich das Präsidium der Studienstiftung des deutschen Volkes, deren Tätigkeit in der DDR nicht erlaubt war, diese an der Universität Leipzig wieder aufzubauen. Als Mitglied des Auswahlausschusses dieser Hochbegabtenförderung konnte ich über die Aufnahme von vorgeschlagenen Abiturienten und Studenten mit entscheiden. Die angenommenen werden in Gruppen von 15 bis 20 Studenten von einem Vertrauensdozenten betreut. Die Förderung besteht aus Gesprächen zum Studium, aus dem Besuch von kulturellen Veranstaltungen, aus Beratungen zu längeren Studienaufenthalten im Ausland, die von der Studienstiftung weitgehend finanziert werden, aus Exkursionen und der Teilnahme an angebotenen Freizeiten zu bestimmten Themen in schönen Gegenden wie Südtirol. Mit meiner Gruppe war ich auf zwei Studienreisen in Israel und im Baltikum, nachdem ich Sponsoren für eine finanzielle Unterstützung dieser Reisen gefunden hatte.

1995 - 2009

Für meine zweite ehrenamtliche Tätigkeit wurde ich 1995 vom Sächsischen Staatsminister für Wissenschaft und Kunst in das an der Universität Leipzig neu gegründete Kuratorium berufen. Dieses Gremium hatte die Aufgabe, die Universitätsleitung und den Minister zu beraten, über aufgetretene Probleme zu informieren und Vorschläge zu deren Lösung zu machen. Zu den Mitgliedern gehörten der Sächsische Landesbischof, der Leipziger Oberbürgermeister, ein Verlagsdirektor aus Stuttgart, ein Bankdirektor aus Frankfurt, ein Museumsdirektor aus Leipzig, zwei Vertreter der Industrie und drei Professoren anderer deutscher Universitäten. Als einziger Vertreter der Leipziger Universität wurde ich zum stellvertretenden Vorsitzenden gewählt. An den Sitzungen, die unregelmäßig nach Bedarf stattfanden, nahmen auch der Rektor, die Prorektoren und der Verwaltungsdirektor mit beratender Stimme teil. Nach einigen Jahren wurden die Kuratorien durch Hochschulräte mit anderer Zusammensetzung und größeren Vollmachten (z.B. zur Wahl eines neuen Rektors oder einer neuen Rektorin) ersetzt.

Es gab noch eine dritte Tätigkeit, um die mich Professor Klaus Wandelt, ein international bekannter Oberflächenphysiker von der Universität Bonn, gebeten hatte. Mit ihm waren wir seit 1985 durch gegenseitige Besuche nicht nur fachlich, sondern auch menschlich eng verbunden. Zur Wendezeit gab er gute Ratschläge bei der demokratischen Umgestaltung der Universität. Für diese verantwortungsvolle Tätigkeit und für seine wissenschaftlichen Leistungen verlieh ihm die Universität die Würde eines Ehrendoktors. 1991 rief er mich vom Besuch einer ECOSS-Tagung (European Conference on Surface Science) in Stockholm an und fragte, ob wir kurzfristig bereit wären die nächste Tagung 1994 in Leipzig durchzuführen. Ich sollte ihm innerhalb von zwei Tagen Bescheid geben, damit das noch in Stockholm beschlossen werden konnte. Nach Rücksprache mit meinen Mitarbeitern und den zuständigen Universitätsbehörden gab ich ihm die erhoffte positive Antwort. Klaus Wandelt übernahm die Leitung des internationalen Programmkomitees, und wir kümmerten uns um die gesamte Organisation der Tagung. Die Leipziger ECOSS-Konferenz wurde von etwa 600 Teilnehmern aus 27 Ländern besucht und war damit die bisher größte. Es gab 13 eingeladene Plenarvorträge, 150 kürzere Vorträge und etwa 500 Posterbeiträge. Besonders erfreulich war, dass erstmals eine größere Anzahl von Wissenschaftlern und Studenten aus Osteuropa teilnehmen konnte und 80 davon finanziell unterstützt wurden.

Zum Abschluss meines Berichts möchte ich noch mein Privatleben kurz erläutern. Als junger Assistent heiratete ich 1954 eine medizinischtechnische Assistentin aus Meißen. Vor der Geburt unseres zweiten Kindes wurde uns eine 180 m² große Wohnung in einem schönen, im Krieg nicht zerstörten größeren Mietshaus im Leipziger Musikviertel zugeteilt. Allerdings wurde dieses Haus nach einigen Jahren aus politischen Gründen 1971 gesprengt. Angeblich wollten Besucher des in unserem Blick-feld liegenden phantastischen Gästehauses der DDR-Regierung nicht mehr solche kapitalistischen Häuser, sondern neue sozialistische Plattenbauten sehen, und wir mussten umziehen. Unsere beiden Kinder haben Medizin studiert und arbeiten jetzt in eigenen Praxen in Dresden bzw. in Potsdam. Von den sechs Enkeln haben drei auch Medizin studiert und sind jetzt in ihrer Facharztausbildung. Die anderen drei studierten Freizeitmanagement (in den USA), Sozialpädagogik sowie Soziologie und Amerikanistik. Von meinen beiden Urenkelinnen wurde eine vor sieben Jahren, die andere vor einem halben Jahr geboren.

1959 war unsere Tochter zusammen mit der Tochter unseres Pfarrers Seumel in der Leipziger Peterskirche getauft worden. Weil Seumels noch zwei Jungen im Alter unseres Sohnes hatten, meine Frau im Kirchenchor sang und in den Kirchenvorstand gewählt wurde, freundeten wir uns mit der Pfarrersfamilie an. 1963 überraschte uns Manfred Seumel mit der Frage, ob wir nicht in den Sommerferien mit ihnen an die Ostsee fahren wollten. Urlaubsplätze wurden in der DDR zum größten Teil von der Gewerkschaft verwaltet und hauptsächlich Arbeitern in der Industrie zu geringen Preisen angeboten. Universitätsangehörige hatten es schwer, überhaupt einen Urlaubsplatz im Sommer zu bekommen. Daher nahmen wir das Angebot unseres Pfarrers sehr gern an. Ihm war für fünf Jahre die Stelle eines Kurpfarrers im Sommer in den Kirchen von Göhren und Middelhagen auf der Insel Rügen angeboten worden und das Pfarrhaus, allerdings sieben Kilometer vom Strand entfernt, hätte noch Platz für uns. Wir mussten uns allerdings selbst verpflegen und auch das Küchengeschirr mitbringen, da es an der See nur ganz wenige, von der Gewerkschaft nicht in Beschlag genommene Gaststätten gab. Ich unterstützte die Arbeit des Kurpfarrers mit Dia-Vorträgen über meine Auslandsreisen und mit Vorträgen über die Sterne. Nach dem Ende der Kurpfarrerzeit sind wir noch viele Jahre allein nach Middelhagen gefahren und fühlten uns dort wie zu Hause.

Im Jahre 1971 ging ein lang gehegter Wunsch von uns in Erfüllung: Wir konnten ein 1800 m² großes Stück eines verwilderten Feldes in der Nähe von Naunhof, 25 km von Leipzig entfernt, von der in Wittenberg lebenden Besitzerin nach langen Verhandlungen mit den Naunhofer Behörden pachten. Das Feld hatte keinen Wasser- und Stromanschluss und lag in einem Naherholungsgebiet. Es durfte also nur als Wochenendgrundstück ohne Baugenehmigung für ein Haus genutzt werden. (In der DDR ein Haus zu bauen, war mit großen Schwierigkeiten verbunden.) Wir zäunten das Gelände ein, ließen einen Brunnen bauen, sorgten zusammen mit anderen „Datschen“-Besitzern für Stromanschluss, stellten nach langer Wartezeit einen käuflichen 25 m² großen, schlecht isolierten Bungalow auf, fanden einen Klempner für eine Hauswasserversorgung, bepflanzten das Gelände mit Bäumen und Sträuchern, einer Blumenterrasse und Gemüsebeeten, und meine Frau richtete einen zweiten Haushalt ein. Während ich in Leipzig alle Strecken mit dem Fahrrad zurücklegte, pendelte ich jetzt im Sommer jeden Tag mit dem Auto zwischen Leipzig und Naunhof. Eine große Wiese diente zum Ballspielen, und in einem angelegten Teich konnte man die Tierwelt beobachten. Unsere Kinder halfen bei den vielen Arbeiten und schätzten später als Studenten die frische Luft und die Ruhe beim Lernen. Für die Enkel stellten wir einen zweiten kleineren Bungalow auf. Radtouren mit Picknick, Ballspiele auf der Wiese und Schwimmen in nahe gelegenen Kiesgruben waren für sie das Paradies. Auch meine Forschungsgruppe haben wir oft zum Fußballspielen, zu Boccia-Wettbewerben und zum Grillen eingeladen.

Diese schöne Zeit ging 1997 abrupt zu Ende, nachdem meine Frau an einem bösartigen Hirntumor gestorben war. Danach wurde mein Leben noch von zwei Frauen beeinflusst. Auf einer internationalen Konferenz 1977 in Prag hatte ich das Ehepaar Eckert aus Los Angeles kennengelernt. Er stammte aus Pommern und sie aus Leipzig. Beide hatten im Krieg zuerst in Peenemünde und nach einem Bombenangriff in Bayern an der Entwicklung von Hitlers „Wunderwaffe“ mitgewirkt, er als Physiker und sie als Sekretärin in der Gruppe des Raketenforschers Wernher von Braun. Nach 1947 setzten sie ihre Arbeit in den USA fort, er bei der NASA und sie als Yogalehrerin. Eckerts nutzten jede Gelegenheit, ihre noch in Leipzig lebende Mutter und uns zu besuchen. Meine Frau und meine Tochter betreuten die alte Dame und nach ihrem Tod ihr Grab in Connewitz. Nach der Wende luden uns Eckerts zu einer gemeinsamen Reise nach Hawaii ein. Aber daraus wurde zunächst nichts, weil Herr Eckert wegen eines Herzleidens längere Zeit bis zu seinem Tod gepflegt werden musste und in der Zwischenzeit auch meine Frau gestorben war. Also fuhr ich mit Frau Eckert allein nach Hawaii. Wir verstanden uns gut und besuchten uns oft in den folgenden Jahren. Wir unternahmen schöne Reisen, mussten aber nach einiger Zeit feststellen, dass unsere Beziehung keine Zukunft hatte: Frau Eckert wollte nicht ihre Kinder, Enkel und Freunde verlassen und nach Deutschland ziehen und ich aus den gleichen Gründen nicht nach Amerika. Außerdem machten uns die langen Flüge und die Zeitverschiebung immer mehr zu schaffen.

Nach unserer Trennung freundete ich mich mit unserer langjährigen Zahnärztin Ingeborg Busch an. Sie war 15 Jahre jünger als ich, an der Universität angestellt und hatte meine ganze Familie als Patienten. Bis zum Tod ihres Mannes hatte sie ein schweres Leben hinter sich: Nach einem Schlaganfall war er halbseitig gelähmt und auf den Rollstuhl angewiesen. 14 Jahre hat sie ihn gepflegt und bei voller Berufstätigkeit noch ihre beiden Kinder erzogen. Jetzt konnte ich ihr die Welt zeigen, und auch in Naunhof erlebten wir eine sehr glückliche Zeit. Sie war meine Lebensgefährtin geworden. Aber nach sechs Jahren passierte ein furchtbares Unglück. Im Jahre 2009 wollte sie mit einer Kollegin zum Wandern mit ihrer Sportgruppe in die Alpen fahren und geriet auf der A9 in einen Stau. Ein folgendes Auto fuhr ungebremst auf ihren Wagen, sodass die beiden Frauen im Auto verbrannten.

2010 - Heute

Nun muss ich mein Rentnerdasein allein so gut wie möglich gestalten. Erfreulich ist der Kontakt mit meinen Kindern und Enkeln. Ich pflege alte Freundschaften, habe noch einige Auslandsreisen unternommen, auch wenn ich manchmal keinen Reisepartner finden konnte. Die Gartenarbeit in Naunhof fiel mir von Jahr zu Jahr schwerer, sodass ich mich schweren Herzens entschloss, den Garten, den ich 2004 von den Erben der Besitzerin noch kaufen konnte, elf Jahre später an einen neuberufenen Chemieprofessor abzugeben. Zur gleichen Zeit habe ich mein Auto verkauft, da mir das Fahren wegen eines durch den Grünen Star (Glaukom) erblindeten Auges keine Freude mehr machte. Als kleinen Trost betrachte ich die 2014 anerkannte Behinderung mit dem Grad 70 und dem Kennzeichen G (wegen gelegentlichen Schwindelanfällen auf Grund von Blutdruckschwankungen), sodass ich kostenlos mit allen Nahverkehrsmitteln in Deutschland fahren kann. Deshalb fiel es mir auch nicht ganz so schwer, mein geliebtes Fahrrad künftig stehen zu lassen. Eine andere Krankheit befiel mich vor vier Jahren in Form einer Gürtelrose mit anschließenden neuralgischen Nervenschmerzen, an denen ich noch heute leide. Eine wahre Freude bereitet mir die Musik. Besonders liebe ich die Sinfonien von Gustav Mahler und Anton Bruckner. Auch die Musik von Richard Wagner höre ich gern. Seit etwa 50 Jahren habe ich ein Gewandhausanrecht, und sechsmal besuchte ich schon die Wagner-Festspiele in Bayreuth. Gelegentlich (bei guten Predigern) gehe ich zu einem Gottesdienst und erfreue mich an den Konzerten in der Thomaskirche und in der Nikolaikirche, meiner Kirchgemeinde.
Nachzutragen ist, dass ich nach der Wende meine Stasi-Unterlagen für die Zeit von 1962 bis 1985 einsehen konnte. Mit großer Enttäuschung musste ich feststellen, dass zwei meiner engeren Mitarbeiter als IM alles über mich berichtet haben, was sie von mir oder über mich erfahren konnten. Mit Interesse habe ich auch gelesen, was andere Stasi-Mitarbeiter über mich in meinem häuslichen Umfeld geschrieben hatten, nachdem sie Hausbewohner und Nachbarn über meine Familie, unsere finanziellen Verhältnisse, politische Einstellung, Besucher und Anderes befragt hatten. Nachdem ich das alles gelesen hatte, fragte ich mich, ob es richtig war, in der DDR geblieben zu sein. Ich fand einige Gründe, die dafür sprechen. Wenn auch das Leben in der DDR wegen der Mangelwirtschaft und der herrschenden Ideologie nicht leicht war, so haben wir doch nicht gelitten und überall Gleichgesinnte gefunden, mit denen man offen reden konnte. Weder meine Frau noch ich haben Verwandte in der Bundesrepublik, und wir lieben unsere Heimat. Meine Frau hatte zusammen mit ihren beiden Geschwistern ein großes Mietshaus in Meißen geerbt, das im Falle unseres Weggangs vom Staat beschlagnahmt worden wäre. Unsere Kinder konnten studieren und ihren gewünschten Beruf ausüben. Besonders wichtig für meine Entscheidung war aber auch, dass ich meine Mitarbeiter und die Studenten, mit denen ich ein gutes und vertrauensvolles Verhältnis hatte, nicht allein zurücklassen wollte.

Während meiner 38-jährigen Lehr- und Forschungstätigkeit an der Universität habe ich 120 Diplomarbeiten und 29 Dissertationen betreut. (Im Unterschied zur Bundesrepublik wurde in der DDR im Allgemeinen nicht die Promotion, sondern das Diplom als regulärer Abschluss der Chemieausbildung betrachtet.) Fünf Wissenschaftler habilitierten sich mit Arbeiten in meiner Gruppe. Es entstanden 181 Veröffentlichungen in wissenschaftlichen Zeitschriften mit meinem Namen und mit zwei Mitarbeitern eine Monographie, die auch ins Russische und Englische übersetzt wurde. Ich bin beteiligt an einem Arbeitsbuch über Mathematik für Chemiker, an drei Konferenzbänden, zwei Übersetzungen von russischen Monographien, einer Übersetzung aus dem Englischen und einem Patent. Über 200 Vorträge habe ich in ganz Deutschland, in der Sowjetunion, in den USA und zehn anderen Ländern gehalten. Unter den Veröffentlichungen und Vorträgen befinden sich auch einige in der Bundesrepublik, in Österreich, Frankreich, Italien und den USA über Leben und Werk von Wilhelm Ostwald. Zu zwei Gastprofessuren wurde ich in Frankreich eingeladen.

Von den Auszeichnungen in der DDR möchte ich nur den Gustav-Hertz-Preis der damaligen Karl-Marx-Universität im Jahre 1986 erwähnen. 1997 verlieh mir die Sächsische Akademie der Wissenschaften die Wilhelm-Ostwald-Medaille. Die höchste Auszeichnung erhielt ich zu meiner großen Überraschung an meinem 90. Geburtstag im August 2016. Die Universität Leipzig verlieh mir auf Beschluss des Akademischen Senats die Würde eines Ehrensenators mit der Begründung, dass ich die Entwicklung von Forschungsstrategien in der Chemie maßgeblich vorangetrieben, die Nachwuchsförderung in der Universität Leipzig nachhaltig gefördert, durch meine Mitwirkung in den Gremien bleibende Verdienste erworben und durch mein beispielhaftes Engagement zur Erhöhung des Ansehens unserer Universität beigetragen habe. Meinen runden Geburtstag beging ich am 4. August vormittags mit einem kleinen Empfang und nachmittags mit einer Einladung meiner älteren Mitarbeiter in meine Wohnung. Meine Familie und einige Freunde habe ich an einem der nächsten Wochenenden für zwei Tage in meine alte Heimat, nach Meißen und in das schöne Elbtal einschließlich einer Dampferfahrt auf der Elbe eingeladen.

Als ich vor ziemlich genau 70 Jahren aus der Kriegsgefangenschaft entlassen wurde, habe ich den zurückbleibenden Kameraden meine damalige Lebenserfahrung in der letzten Nummer der Lagerzeitung wie folgt mitgeteilt: „Lasst Euch nicht unterkriegen, versucht über den Dingen zu stehen und vertraut auf Gott.“ Heute zitiere ich gern den alten griechischen Philosophen Solon – er lebte etwa zwischen 640 und 560 v.Chr. – mit den Worten „Quidquid agis, prudenter agas et respice finem.“ (Was du auch immer tust, tue es klug und bedenke das Ende.)